TIMO UND DIE STERNE
Eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder
von
Thelmo BeThink

Die erste Nacht

Es war Abend und ein langer herrlicher Frühlingstag ging seinem Ende entgegen. Der erste Tag in diesem Jahr, an dem die Sonne richtig wärmte. Ein Tag, der zum Spielen im Garten einlud. Und genau das hatte Timo und sein kleiner Freund Felix ausgiebig getan.

Felix, das war der kleine Hund, ein Bobteil-Mischling, den Timo, kurz nach dem er geboren wurde, geschenkt bekam. Deshalb war Felix jetzt auch genauso alt wie er. Timo wußte zwar nicht mehr all die lustigen Sachen, die sie schon zusammen erlebt hatten, aber daß er den ganzen Sommer mit seinem struppigen Freund draußen spielte, das wußte er noch. Ja, und daß Felix mit ihm seinen vierten Geburtstag gefeiert hatte, das wußte er auch noch. Er war genau wie Felix vier Jahre alt. Das war es auch, was ihm immer wieder besonders gefiel. Ein Leben ohne seinen Spielgefährten konnte sich Timo gar nicht mehr vorstellen. Felix war überall dabei und so war es auch heute gewesen.

Doch nun wurde es dunkel. Zeit zum Abendessen und dann Zeit, um ins Bett zu gehen. Wie immer nach solchen Tagen, wenn er wieder einmal nicht schlafen wollte, fiel ihm ein, daß er vielleicht noch nicht alle Spielsachen aufgeräumt hatte. Deshalb lief er ans Fenster, um noch einmal in den Garten zu schauen. Aber in der Zwischenzeit war es schon so dunkel geworden, daß er im ersten Moment kaum etwas erkennen konnte. So viele Sterne, die so hell funkelten wie heute, hatte er noch nie bemerkt. Da war auch weit und breit keine Wolke, die sie verdecken könnte. Auch das lachende Gesicht des Mondes stand prächtig rund am Himmel. "Mutti", fragte er, sie war gerade in sein Zimmer gekommen, um ihm eine "Gute Nacht Geschichte" zu erzählen, "Mutti", läßt du heute den Vorhang offen? Du mußt mir dann auch keine Geschichte vorlesen. Ich möchte noch ein wenig den Sternen zuschauen. "Zuerst wollte sie nicht nachgeben, aber dann ließ sie ihm ausnahmsweise seinen Willen".

Zum Glück stand sein Bettchen gerade so, daß, wenn er sich in die Ecke drückte, fast sein ganzes Fenster wie ein Bild voll von glitzernden Lichtfunken war. Nur das Dach des Nachbarhauses störte etwas und, der Kamin von der Werkstatt des Herrn Mehrwald ragte dunkel bis in die Mitte. Aber sonst waren da nur Sterne und der Mond am Himmel. Wieviel es wohl sind, dachte er, als er so da lag. Mehr als zehn sind es allemal, denn soweit konnte er schon zählen. Vielleicht hundert? Oder zweihundert? Oder vielleicht sogar eintausend? Ja, so mußte es sein, eintausend Sterne.

Das hatte er schon von Vati gehört, der hatte ihm schon einmal eine Geschichte von einem großen Fest erzählt und ein Foto dazu gezeigt. Da waren so viele Menschen abgebildet, daß sie beim Zählen immer wieder durcheinander kamen. Und jetzt sah er eintausend funkelnde kleine Sterne durch sein Fenster. Aber halt, hatte Vati nicht auch einmal erzählt, daß diese Sterne gar nicht so klein sind, wie man sie von hieraus sehen kann? Bestimmt sind sie so dick und rund wie der gelbe Ball von seiner Freundin Marion, mit der er immer Fußball spielte. Das wäre fein, da könnte er irgendwann mit Marion, Klaus, Thomas und natürlich mit Felix zu den Sternen hinauffliegen, und eine ganze Nacht lang Ballspielen.

Keiner von seinen Sternenbällen würde mehr auf die Straße rollen, auch ins Blumenbeet von Herrn Buschmaier könnten sie nicht mehr fallen. So, heißt nämlich der Nachbar, der in dem Haus neben ihnen wohnt. Das wäre ein Spaß, kein Ball könnte verloren gehen. Höchstens verwechseln mit einem anderen Sternenball könnte man ihn. Das wäre eine Nacht, springen, schießen, werfen, so weit, so fest und solange sie wollten. Der Mond überlegte er noch, wäre so nah, ja viel zu groß um ihn schießen zu können. Er würde sicher einen guten Schiedsrichter abgeben. Denn einen Schiedsrichter würde man bei so wilden Spielen bestimmt brauchen.

Das wäre eine Nacht. Mit diesen Gedanken waren seine Augen so müde geworden, daß sie sich schon lange geschlossen hatten. Das wäre eine Nacht, dachte Timo ein letztes Mal und schlief endgültig ein.


UND DANN


Nanu, irgend etwas war anders als sonst. Irgend etwas stimmte nicht so wie gewohnt, schoß es Timo durch den Kopf, noch bevor er die Augen öffnete. Es war viel zu hell um ihn herum an diesem Morgen. Hm, jetzt wußte er auch was es war. Er blinzelte zuerst mit dem rechten Auge, dann mit dem Linken. Der Vorhang war noch offen, deshalb kitzelte ihn die Sonne an der Nase. Sie lachte durch sein Fenster. Juchu! Jubelte er, daß war vielleicht eine Freude. Da konnte er heute wieder den ganzen Tag draußen spielen. Er stand auf und schaute nach draußen in den Garten. Da fiel ihm ein Lied ein, das er irgendwo schon einmal gehört hatte

Guten Morgen, liebe Sonne
guten Morgen, liebe Sonne
die Sterne schlafen schon,
auch der Mond schläft
auf seinem Thron.

Aufgewacht, aufgewacht,
es ist Tag und keine Nacht.
Aufgewacht, aufgewacht
heute wird nur Spaß gemacht.

So sang Timo den ganzen Morgen. Beim Waschen, beim Frühstücken, als er Felix sein Futter ans Körbchen bracht und sogar auf dem Weg zum Kindergarten.

Wie der Tag begonnen hatte, so blieb er auch. Kaum ein Wölkchen trübte den Himmel, bis Mutti zum Abendbrot ins Haus rief. Vati saß bereits am Tisch und als er ihn begrüßte, fiel Timo der gestrige Abend ein. "Du Vati", fragte er hastig, "wie groß sind eigentlich Sterne, kann man zu ihnen hinauffliegen, Wie viele gibt es, wie lange fliegt man, muss man da hoch hinauf?" Sprudelte es aus ihm heraus.

"Langsam, langsam, so viele Fragen kann ich mir auf einmal nicht merken", meinte Vati". Also, wie war das noch einmal, wie groß sind Sterne? Nun ich würde sagen riesengroß. "Größer als der Fußball von Marion?" Brach es aus Timo heraus. "Ja freilich, der kleinste ist immer noch so groß, daß unser Haus unser Garten, unsere Stadt, wahrscheinlich sogar unsere ganze Erde hinein paßt." "Ist so ein Stern denn hohl?" Setzte Timo nach. "Nein, das nicht, das habe ich nur als Vergleich genommen." "Dann gibt es also auch noch größere?" "Wenn es kleine gibt, dann muss es auch größere geben", erklärte Vati. "Wie groß sind dann die großen?" "Stell dir ein kleines Sandkorn vor und einen dicken Fußball. So viele Sandkörner in dem Ball Platz haben, so oft paßt ein kleiner Stern in einen großen", antwortete Vati. "Potztausend, das ist ja riesengroß", platzte es aus Timo heraus. Das die Sterne nur so klein aussehen, weil wir Menschen so weit weg wohnen, wußte Timo ja bereits. Deshalb überlegte er weiter, ob man nicht mit einem Flugzeug hinauffliegen könnte. Und das fragte er jetzt auch. "Nein, mit dem Flugzeug nicht", gab Vati bereitwillig zur Antwort. "Aber mit einer Rakete", setzte Timo nach. Vati überlegte einen Moment und meint dann, "vielleicht irgendwann einmal, jetzt noch nicht.

"Nun iß erst mal, du kleiner Astronaut", mischte sich Mutti in das Gespräch ein. "Sonst wird alles kalt." Doch da war sie immer noch, diese Neugier in Timo. "Was macht eigentlich ein Astronaut?" Fragte er noch einmal mutig. "Ein Astronaut fliegt ein Raumschiff, zum Beispiel um die Erde oder zum Mond kann man schon fliegen," sagte Vati vorsichtig, damit sich Mutti nicht aufregte. Na, jetzt wußte Timo auch wirklich schon viel mehr. Die Sonne war also auch ein Stern, hatte Vati erklärt, eben nur nahe bei uns. Der Mond war kein Stern, denn er leuchtet nicht von alleine. Der wird von unserer Sonne nur angestrahlt, wie von einer Taschenlampe, überlegte er weiter und aß nun fleißig seine Abendmahlzeit auf.

Bevor Timo an diesem Abend ins Bett ging, lief er wie gestern zum Fenster, vielleicht konnte er heute etwas neues am Himmel entdecken. Vollkommen anders als gestern war es dann auch. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Eine dicke, dunkle Regenwolke hatte sich vor seinen schönen Sternen breit gemacht. Dann eben nicht dachte sich Timo und ließ den Rolladen herunter. Das schaffte er inzwischen alleine, wenn er sich auf seine Spielkiste stellte. Dann schloß er noch den Vorhang, legte sich in sein Bettchen und rief nach Mutti.

"Mutti," rief er jetzt schon zum zweiten Mal ungeduldig, "Mutti, kommst du gute Nacht sagen und liest mir eine Geschichte vor?" Gute Nacht Geschichten erzählen oder vorlesen, daß konnte Mutti besonders gut. Jetzt öffnete sich auch die Türe. Mutti kam herein, nahm sich sein Lieblingsbuch aus dem Regal, setzte sich neben sein Bettchen und begann vorzulesen.

Thelmo BeThink © 2003